Dezember 2025

Rituale und Zeremonien: Gute Gewohnheiten für ein wohliges Gefühl im Bauch
Vor einiger Zeit saß ich mit einer Klientin zusammen, die mit sich selbst unzufrieden ist, und wir sprachen über die Frage, was sie eigentlich in ihrem Leben als sinnvoll empfindet.
Wir hatten uns in diesem Zusammenhang vorgenommen, ihre Tagesstruktur genau zu betrachten. Dafür hatte sie alle Aktivitäten eines Tages, vom frühen Morgen bis in den Abend hinein, aufgeschrieben, und wir schauten uns dann an, wie sie sich bei den Aktivitäten gefühlt hatte und wie sie sie bewertete.
Was ich frappierend fand: Es hatte an dem Tag 14 Aktivitäten gegeben, und elf davon bewertete sie im Nachhinein als produktiv und sinnvoll. Was sich für sie aber als überhaupt nicht positiv und sinnvoll anfühlte: ausgerechnet drei Pausen zwischendurch, die jeweils eine halbe Stunde gedauert hatten.
Auch wenn diese Sichtweise meiner Klientin sehr individuell geprägt ist, so hatte ich doch sofort den Eindruck, dass in ihrer Einschätzung auch etwas steckt, was weit verbreitet ist: dass viele von uns zu Pausen, zu einem „Sich-einfach-mal-etwas-Gutes-Tun“ ein etwas kompliziertes Verhältnis haben.
Und jetzt, wo die meisten – und ich auch – über die Feiertage eine Pause einlegen, fiel mir dieses Gespräch wieder ein, und ich nahm mir vor, zum Abschluss des Jahres für Sie über den Sinn von Pausen und unseren Umgang mit ihnen zu schreiben – und über kleine Rituale und Zeremonien, die uns dabei helfen, diese Pausen mit Sinn zu erfüllen.
Pause als Zeichen von Schwäche?
Ich will bei der Geschichte meiner Klientin gar nichts ins Detail gehen. Interessant ist für uns hier nur, dass ihr durchaus bewusst ist, dass sie – zurzeit ohne Job, aber Mutter einer kleinen Tochter – diese Pausen durchaus braucht, dass sie den Tag ohne sie nicht schaffen würde.
Zugleich aber ist das bei ihr mit dem schlechten Gefühl verbunden, nicht so leistungsfähig zu sein wie andere. Sie interpretiert ihr Pausenbedürfnis als Zeichen von Schwäche und die Pausen als lästige und eigentlich unangemessene Pflichtübung.
Ich fragte sie dann, was ihr denn ihrer Einschätzung nach dabei helfen könnte, die Pausen, die sie doch nun einmal braucht, sinnvoller zu finden. Sie meinte darauf, Menschen, die erwerbstätig sind, hätten ja zum Beispiel eine Stunde Mittagspause, das sei fest definiert und damit sinnvoller.
Das würde zwar, dachte ich, nüchtern betrachtet für ihren Tagesablauf nicht wirklich Sinn machen, weil sie dort doch gerade viel mehr Flexibilität als in einem Job hat. Aber mir wurde bei ihrer Antwort bewusst, dass es darum gar nicht geht. Sondern ihr Problem ist, dass ihr für die Pausen, die sie macht, eine Einordnung fehlt, die ihr helfen könnte, diese Zeiten nicht nur als eine nutzlose komische Unterbrechung zwischendurch zu sehen, die irgendwie vergeht, sondern als etwas, das für sie wirklich sinnvoll ist und ihr etwas gibt, anstatt ihr nur Zeit zu rauben.
Was ihr insofern fehlt, und was vielen von uns fehlt, ist eine Art Ritual – also eine Struktur, eine Regel, eine Füllung der Pause mit Bedeutung.
Ein Ritual ist eine Kostbarkeit
Ritual? Das Wort hat keinen guten Ruf, es steht oft für verstaubte, erstarrte, irgendwie sinnentleerte Handlungen, die ihre ursprüngliche Funktion längst verloren haben. Ich erinnere mich zum Beispiel daran, dass ich als Kind in der Kirche lernte, bei bestimmten Teilen der Messe zu knien und bei anderen aufzustehen, um mich dann wieder hinzusetzen, ohne dass sich damals die Bedeutung meiner Handlung für mich voll und ganz erschloss. Es gehörte eben dazu und wurde deshalb von allen gemacht.
So etwas meine ich natürlich nicht, sondern für mich ist ein Ritual hier eine persönlich bedeutungsvolle „gute Gewohnheit“, die sich dadurch auszeichnet, dass wir sie sehr bewusst nach einem bewährten Muster durchführen. Ein solches Ritual ist eine Kostbarkeit, die ich mir leiste. Bei mir ist es zum Beispiel die gute Gewohnheit, mir morgens nach dem Aufstehen einen Milchkaffee zu kochen und diesen Kaffee zu zelebrieren. Das beginnt schon beim Zubereiten damit, dass ich den Duft wahrnehme, und dann trinke ich schlückchenweise und achte dabei auf die Temperatur, das Aroma und fühle im Bauch, wie sich die Wärme des Kaffees langsam, ganz angenehm in mir ausbreitet.
Dieses Ritual bedeutet für mich hier auch, dass ich morgens wirklich nur diesen einen Kaffee trinke und dabei zuschaue, was die Meisen draußen an ihrer Futterstelle machen, und dass ich noch keine Mails oder Nachrichten checke, auch nicht telefoniere oder sonst etwas mache, was mich von meinem Kaffee-Ritual ablenken könnte. So erlebe ich diese halbe Stunde, bevor der Tag in all seiner Hektik beginnt, einfach sehr bewusst.
Dieses sehr bewusste Wahrnehmen und Durchführen dessen, was ich da in meinem kleinen Ritual tue, ist eine Miniaturwelt, die für das steht, was in meinem Leben sonst auch wichtig ist. In meinem Fall: präsent und bei der Sache zu sein.
So ein Ritual hat also eine persönliche Bedeutung, einen Sinn, und es ist nicht egal, es ist nicht einfach nebensächlich. Die Miniaturwelt des Rituals ist ein geschützter Raum, nämlich genau dadurch, dass sie diesen Ritualcharakter hat: Es gibt dabei eine Struktur: einen klaren Anfang, es gibt ein klares Ende, es gibt klar definierte Aktionen oder Wahrnehmungen, die dazugehören. Der geschützte Ritualraum ist deswegen so wertvoll, weil es sich dabei um etwas Kostbares handelt, auf das man aufpasst.
Ob so ein Morgenritual nun der morgendliche Kaffee ist, ein kleiner Spaziergang direkt nach dem Aufstehen oder ein „Rumsitzen mit sich selbst“, ob wir tägliche, wöchentliche oder auch nur gelegentliche Rituale pflegen, all das ist nicht so entscheidend – wichtig ist nur der geschützte Raum, den wir uns damit bewusst schaffen. Anders als bei den negativ erlebten Ritualen, die wir oft als von außen aufgepfropft empfinden, können unsere guten Gewohnheiten etwas ganz Persönliches, Individuelles sein, das wir uns allein oder auch mit anderen zusammen, in der Partnerschaft, in der Familie oder im Freundeskreis ausdenken und etablieren. Letztlich geht es darum, dadurch für eine kleine Weile ein wohliges Gefühl im Bauch oder im Herzen zu erzeugen. Nur darauf kommt es an: Wenn das gelingt, dann ist das Ritual gelungen und hat Sinn gestiftet.
Ritual und Zeremonie
Das Ritual hat übrigens auch noch eine Schwester, die Zeremonie. Während sich das Ritual durch eine geregelte Wiederholung auszeichnet, hat eine Zeremonie eher etwas Festlicheres, Einmaliges an sich. Eine Zeremonie dient häufig zur Gestaltung wichtiger Übergänge: die Aufnahme in eine Gemeinschaft oder eine Verabschiedung, Lebensfeiern wie Hochzeiten, die Taufe oder eine Bestattung.
Wobei es durchaus fließende Übergänge gibt: Jemand kommt neu in ein Arbeitsteam, und dann wird ein Kuchen gebacken. Das ist vielleicht ritualisiert für alle Neuen identisch. Aber gleichzeitig ist es auch eine kleine Aufnahmezeremonie für die Person, die jetzt neu dazu kommt und dadurch ganz anders im Team ankommen kann.
Eine klitzekleine Übergangszeremonie war auch das, was ich mir im November gegönnt habe, als ich an einem Sonntagabend von einer mehrtägigen Tagung zurück in meine etwas kühle, leere Wohnung zurückkehrte. Ich war innerlich noch unterwegs und ganz im Übergang zwischen dieser großen, erfolgreichen Hypnosekonferenz mit vielen Teilnehmenden und meinem Privatleben, als ich zu Hause ankam. Da tat sich beim Eintreten ein leeres Loch auf und ich dachte: Was mache ich jetzt am besten, um anzukommen?
Ich wollte etwas Sinnvolles tun, musste auch noch für meine Meditationslehrer-Ausbildung einige Hausaufgaben machen, aber ich wollte die Tagung nicht einfach abrupt abhaken – und ich wollte es mir vor allem in meinem Zuhause mit mir selbst schön machen. So kam ich auf die Idee, mir einen Bratapfel zuzubereiten.
Ich überlegte, was ich in den Bratapfel hineintun sollte, und entschied mich für gemahlene Haselnüsse und ein paar Cranberrys. Nachdem ich den Apfel in den Ofen gestellt hatte, war der köstliche Duft, der sich dann in meiner Wohnung ausbreitete, voller Erinnerungen. Und das war dann tatsächlich für mich genau die richtige Zeremonie in diesem Moment, weil ich an gemütliche Stunden in meiner Kindheit an Winternachmittagen zu Hause dachte, und diese Erinnerungen waren mit einem Lächeln verknüpft.
Schließlich war der Bratapfel fertig und ich konnte ihn Bissen für Bissen genießen. Ich hatte noch paar frische Cranberrys als Kompott außenherum dazugegeben und servierte mir zudem einen griechischen Joghurt mit Honig als perfekte Ergänzung. Dazu gab es einen Kakaoschalentee. Diese Mischung war wirklich deliziös.
So hatte ich den Übergang von der Tagung in meinen häuslichen Alltag auf meiner Couch würdig für mich zelebriert, die Leere der Wohnung mit Leben gefüllt und nun ein richtig wohlig warmes Gefühl im Bauch – ich war wirklich angekommen zu Hause – und konnte mich dann auch entspannt meinen Hausaufgaben widmen.
Und ich spielte mit dem Gedanken, aus dieser kleinen Zeremonie den Winter über vielleicht sogar ein kleines Ritual werden zu lassen …
Equipment der Selbstfürsorge
Oft wird gegen Rituale und Zeremonien zur Pausengestaltung der Einwand gebracht, es sei doch viel freier und daher besser, aus dem Moment heraus zu entscheiden und immer das zu tun, wonach einem dann gerade ist, und nicht fantasielos auf etwas Vorgefertigtes zurückzugreifen.
Doch zum einen gibt es bei Zeremonien und Ritualen, die ich Ihnen ans Herz legen möchte, keine Dogmen. Niemand sagt, dass Sie es immer so machen müssen wie einmal festgelegt, nur weil es ein wiederkehrendes Ritual ist. Natürlich darf es Ausnahmen geben und alle können frei entscheiden, wie sie mit dem Ritual umgehen wollen.
Zum anderen möchte ich Ihnen raten, der Idee, dass Sie viel freier und selbstbestimmter aus dem Moment heraus das tun können, was Ihnen gerade gut tut, lieber nicht zu sehr zu vertrauen. Denn es gibt nun einmal sehr viele Momente im Leben, in denen Handlungsimpulse, die uns in den Sinn kommen, gar nicht so passend für uns sind, wie wir in dem Augenblick glauben. Bei besonderen Belastungen und Krisen neigen wir im Gegenteil sogar dazu, ausgerechnet das wegzulassen, was uns jetzt gut täte, wie zum Beispiel als Pause einen kleinen Spaziergang zu machen.
Gerade jetzt, im Dezember, der häufig immer noch als „besinnliche Zeit“ beschrieben wird, ist ja den meisten von uns überhaupt nicht besinnlich zumute. Zu viele Dinge, die vor dem Fest und bis zum Jahresende noch erledigt werden sollen, zu viele Vorbereitungen für Geschenke und Feierlichkeiten – ich kenne viele Menschen, die zumindest die Wochen vor Weihnachten als die stressigste Zeit des Jahres empfinden.
Ausgerechnet in dieser Zeit geraten wir also schnell in diese Gefahr: dass wir selbst mit unseren Bedürfnissen zu kurz kommen, uns weniger Pausen gönnen und nur darauf schauen, dass wir alles für andere wichtige Menschen so schön wie möglich vorbereiten.
Insbesondere in solchen Phasen ist es immens wichtig, ein Ritual für uns schon etabliert zu haben, sodass es nicht sofort beim ersten Stress ausgelassen wird, sondern uns als Ressource einen bereits ausreichend bewährten und gewohnten Schutzraum gegen die überbordende Hektik liefert – wie ein Equipment der Selbstfürsorge, das auch in schwierigen Zeiten noch für uns da ist.
Wenn wir unser Ritual quasi in unserem Autopiloten verankert haben, trägt es uns auch in Stresszeiten. Dann müssen wir nicht mehr groß darüber nachdenken, und der innere Schweinehund oder der Sog der Verpflichtungen und Erwartungen von anderen wird uns nicht davon abbringen – weil total klar ist, dass es jetzt erst einmal Zeit für dieses Ritual ist.
Unsere Rituale sollen uns aber übrigens nicht dazu bringen, uns in einer Art Weltflucht aus allem hektischen vorweihnachtlichen Geschehen, aus dem Netz der gegenseitigen Erwartungen und Wünsche wie auch dem Jahresende-Marathon komplett auszuklinken. Stattdessen können Sie sich jedes Ritual wie die Wurzeln eines Baumes vorstellen, die uns halten, Stabilität geben – und dennoch erlauben, mitzuschwingen.
Mit Ihrem persönlichen Ritual, das Sie erfüllt, mit dem Sie sich gut, stark und gelassen fühlen, können Sie trotzdem noch mit allem anderen in Kontakt bleiben – doch ohne sich absorbieren zu lassen. Das Ritual hilft Ihnen dabei, den Raum zwischen den Polen Ihres Ichs und der Welt um Sie herum zu gestalten.
Ich wünsche Ihnen für die kommenden Wochen, für die Feiertage und die Zeit „zwischen den Jahren“ und für das neue Jahr, dass Sie die Kraft der Zeremonien und Rituale für sich entdecken, die Ihnen dabei helfen, sich sinnerfüllte Pausen, Auszeiten und Kraftquellen zu gönnen.

